Die Entwicklung einer Panikstörung

oder Lieben Sie Ihr Auto mehr als sich selbst?

Was machen Sie, wenn auf dem Armaturenbrett Ihres Autos ein Lämpchen leuchtet, das vorher nicht leuchtete? Ärgern Sie sich kurz über die Störung und fahren weiter? Verdecken Sie das Lämpchen, damit Sie nicht mehr darüber nachdenken müssen? Falls Sie verantwortungsvoll mit Ihrem Auto umgehen, schauen Sie wahrscheinlich nach, was das Leuchten bedeuten könnte. Auf welches unbefriedigte Bedürfnis Ihres Autos könnte es hinweisen? Dann sorgen Sie dafür, dass Sie entweder selbst nach Blick in die Bedienungsanleitung oder mithilfe eines Mechanikers das unerfüllte Bedürfnis Ihres Autos stillen, damit Sie wieder sorgenfrei fahren können.

Die Signale eines Autos sind oft relativ klar und deutlich. Beim Menschen sind manche Signale wie Hunger, Durst oder Müdigkeit ebenfalls leicht zu verstehen, während andere wie Unzufriedenheit, Unwohlsein, Unsicherheit, Ärger oder Panikattacken, weniger eindeutig sind und deutlich mehr Einfühlung bedürfen. Bei vielen Menschen, die unter Symptomen einer Depression, eines Burnouts, einer Angststörung oder Panikattacken leiden, geht die Störung oft auf die fehlende Erfüllung eines oder mehrere Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum zurück.

Dazu ein kurzes Beispiel:

Ein junger Mann treibt sich selbst bis an die eigenen Grenzen, indem er eine Firma gründet und all seine Energie, alle Reserven reinsteckt, um erfolgreich zu sein. Er entwickelt seine Businesspläne, kümmert sich um die Finanzierung, findet Mitarbeiter, die ihm helfen, seine Geschäftsidee umzusetzen …

In den ersten Monaten steht das Geschäft auf sehr wackeligen Beinen, sodass er die berechtigte Angst hat, dass die ganze Mühe umsonst gewesen sein könnte. Deshalb arbeitet sein Gehirn ununterbrochen an der Entwicklung von To-do-Listen: Recherchen, E-Mails, Telefongespräche, Angebote …  Alles tut er, damit er nicht irgendwann ein schlechtes Gewissen haben muss, dass er sich nicht ausreichend bemüht hat.

Irgendwann merkt der junge Mann, dass er nur noch nach einigen Gläsern Bier zur Ruhe kommt. Den Rest der Zeit hat er ein flaues Gefühl im Magen, er fühlt sich innerlich zittrig, spürt häufig Schmerzen in der Brust und gelegentlich sogar einen leichten Schwindel. Sein Gehirn kommt ihm wie ein Kopfkino vor, dass 24 Stunden am Tag die schrecklichsten Horrorfilme zu furchterregenden Zukunftsszenerien abspielt. Deshalb kann er schwer einzuschlafen. Diese Entwicklung nimmt er aber nicht ganz bewusst wahr, weil sein Fokus so stark auf der Entwicklung seines Geschäfts liegt, denn er will unbedingt erfolgreich sein.

Erst als er auf einer Zugreise in Südengland ist und keinen Zugang zu einer funktionierenden Toilette hat, bricht er komplett in Panik aus, weil er einen Druck auf der Blase spürt und beginnt, sich Sorgen zu machen, ob er es bis zur nächsten Station aushalten wird. Er beginnt zu schwitzen, sein Herz beginnt so schnell zu klopfen, dass er sich Sorgen darüber macht, ob er einen Herzinfarkt bekommt, der Druck im Magen ist quälend stark und alle möglichen Gedanken zu einer peinlichen Katastrophe, nicht schnell genug zu einer Toilette zu kommen, rasen ihm durch den Kopf. Er fürchtet, verrückt zu werden! Die Panik macht ihn wahnsinnig!

Diese Erfahrung ist für ihn so schlimm, obwohl er es doch letztendlich schnell genug zur Toilette geschafft hat, dass er bei seiner nächsten Zugfahrt unwillkürlich über den Vorfall nachdenken muss, sodass die Erinnerungen so gegenwärtig werden, dass er dieselben Körperempfindungen spürt. Dies ist der Beginn einer Panikstörung. Er reagiert darauf, indem er ab sofort Zugfahrten vermeidet.

Nachdem er eine Weile lang nicht mehr mit dem Zug gefahren ist, beginnt er eine Angst vor Busfahrten und Flügen zu entwickeln. Allmählich schränkt er sämtliche Reiseaktivitäten ein, mit dem Ergebnis, dass er sich weniger um die Geschäfte kümmern kann und sich „schonen muss“, um nicht komplett durchzudrehen. Sein Geschäft läuft gar nicht mehr gut, aber jetzt ist er von der Notwendigkeit überzeugt, seine Gesundheit zur Priorität zu machen, damit die Panikattacken fern bleiben.

Sind in diesem Fall die Symptome seiner Panikstörung hilfreich oder hinderlich? Übernimmt sein Körper die Rolle, eine Grenze zu setzen, die er mit seinem bewussten Verstand nicht setzen kann? Immerhin können sich nun all die Bedürfnisse nach Ausgleich, Ruhe, Pausen von den Anstrengungen zeigen und sein Verhalten mitbestimmen.

Bei vielen Störungen ist ein solcher „Lösungsversuch“ des Körpers zu erkennen. Das Bewusstsein eines Menschen wird so gezwungen, bestimmte vernachlässigte Bedürfnisse wahrzunehmen, damit er lernt, besser mit sich umzugehen. Deshalb ist es wichtig, in der psychotherapeutischen Arbeit die Symptome nicht nur als Störung zu sehen, sondern möglicherweise als Lösungsversuch für tiefer liegende Bedürfnisse.

Aus diesem Grund ist es in der Psychotherapie immer eine berechtigte Frage, welche der normalen (eventuell vernachlässigten) menschlichen Bedürfnisse bereits lange vor dem Auftreten der Symptome zu kurz gekommen sind. Eine Hilfestellung kann eine einfache Auflistung der normalen menschlichen Bedürfnisse sein, die bei den meisten Menschen üblich sind. Je mehr man es sich angewöhnt hat, wichtige Bedürfnisse zu vernachlässigen, desto anfälliger ist man irgendwann für den Ausbruch einer psychischen Störung. Dabei ist häufig nicht so entscheidend, ob es sich um eine Depression oder eine Angststörung handelt, denn die wichtige Frage für die Therapie ist, welche Bedürfnisse über zu lange Strecken hinweg nicht erfüllt worden sind. Ein gutes Ziel der Selbstfürsorge wäre, darauf zu achten, dass man immer wieder seinen eigenen „Bedürfnisstand“ kontrolliert, um zu sehen, an welchen Stellen Nachschub nötig wäre.