MUSTER VON DEPRESSION VERÄNDERN – PSYCHOTHERAPIE FÜR IHRE GEHIRNSTRUKTUREN

(Beitrag vom 03. April 2014)

Psychotherapie ist ein Training fürs Gehirn

Vielleicht haben Sie sich schon häufiger gefragt, warum Sie bestimmte Verhaltensweisen einfach nicht ablegen können, selbst wenn Ihnen klar geworden ist, dass sie Ihnen nichts bringen, ja: Ihnen sogar schaden. Das ist so, weil das Gehirn unermüdlich Muster unseres Erlebens als Verknüpfungen von Nervenzellen abspeichert. Dabei werden Erlebensmuster, die häufiger auftreten, durch Nervenzellverknüpfungen stärker repräsentiert als neue oder weniger genutzte Muster. Diese häufig genutzten Nervenzellverknüpfungen sind dominant und hemmen die alternativen Möglichkeiten. Das kann natürlich zum Problem werden, wenn es sich um Muster wie verzerrtes, pessimistisches Denken oder selbstschädigendes Verhalten handelt, die man irgendwann gelernt hat und bisher im Leben vielleicht tausende Male eingeübt hat.

Diese Verbindungen kann man leider nicht einfach löschen. Aber man kann problematische Erlebensmuster deutlich reduzieren, indem man neue, alternative Erlebensmuster einübt, ausbaut und durch fortlaufende Wiederholung so stärkt, dass diese neuen Erlebensmuster allmählich die alten Erlebensmuster ausbremsen. Zahlreiche neue Nervenzellverschaltungen sind nötig, um grundlegende Erlebensmuster erfolgreich zu verändern, deshalb sind in der Psychotherapie stetige, langfristige Bemühungen notwendig.

In der Therapie gilt aus diesem Grund: je intensiver und je häufiger Sie das Neue, Erwünschte üben, umso mehr können Sie profitieren. Üben kann Vielfältiges bedeuten: Sie können sich beispielsweise zwischen den Therapiesitzungen mit den Therapieinhalten beschäftigen. Sie können sich an neue, hilfreiche Einstellungen erinnern, indem Sie Karten bei sich tragen, die Sie immer griffbereit haben, um sich jederzeit erinnern zu können. Oder Sie können auch gezielt Situationen aufsuchen, in denen Sie sich die Chance geben, neue, korrigierende Erfahrungen zu machen und alte Überzeugungen zu widerlegen.

Training von positiven Denkmustern

Viele Klienten kommen zu mir, weil sie sich in negativen Denkmustern gefangen fühlen. Sie sind so auf negative, problematische Erlebnisse fixiert, dass sie sich ständig durch diese belastet fühlen. Sogar nachts, wenn sie schlafen wollen, läuft das deprimierende Gedankenkarussell weiter und sie können sehr schwer abschalten. Die lang eingeübte Gewohnheit, in diese Denkmuster zu gelangen und in ihnen zu bleiben, führt zur ständigen Verfestigung der Nervenzellverknüpfungen, die dafür sorgen, dass das Problematische im Leben immer wieder ins Bewusstsein drängt.

Häufig können Klienten in solchen Fällen sehr viel erreichen, wenn sie beginnen, Nervenzellnetzwerke auszubauen, die Verknüpfungen mit dem Schönen und Guten im Leben hervorheben. Dafür schlage ich beispielsweise manchen Klienten vor, dass sie sich jeden Abend damit beschäftigen, was sie an diesem Tag Schönes erlebt haben. Das können Erlebnisse sein, zu denen sie selbst beigetragen haben – vielleicht Erfolge, die sonst schnell unter den Tisch fallen und einem gar nicht wirklich bewusst werden würden – oder es können auch einfache, aber trotzdem kostbare Erlebnisse sein, die jedem zugänglich sind. Etwa die Wärme des Sonnenscheins auf der Haut an einem heiteren Frühlingstag oder der Geschmack von frischen Erdbeeren.

Die wiederholte Beschäftigung mit positiven Erlebnissen führt zu einer erhöhten Wahrnehmung für Angenehmes im Leben und hebt die Stimmung, da man durch eine solche Übung neue Netzwerke im Gehirn ausbaut, die immer leichter zugänglich werden. Indem man die Erlebnisse detailliert und sehr regelmäßig dokumentiert, stellt man allmählich eine wunderschöne Sammlung angenehmer Erlebnisse her. Durch das wiederholte Lesen können Sie diese Erlebnisse immer wieder hervorholen und sich sogar in schlechteren Zeiten dazu motivieren, weitere schöne Erlebnisse wahrzunehmen, die Ihrer Aufmerksamkeit vielleicht bisher entgangen sind.

Deshalb ist die ermutigende Nachricht, dass Sie selbst zur Umstrukturierung Ihres Gehirns beitragen können, wenn Sie stetig neue, hilfreiche Alternativen einüben.

Literatur: Brunhoeber, Stefan. (2013). Keine Angst vorm Spiegel. Rabenau. Stillwasser Verlag; Seligman, Martin. (2011). Flourish – A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. New York. Free Press.